01Warum die Rente kein Prozent vom Gehalt ist
Viele glauben, die Rente sei ein fester Anteil des letzten Gehalts, irgendwo bei 48 %. Das stimmt so nicht. Die 48 % sind das Rentenniveau, eine statistische Kennzahl für einen Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren. Deine persönliche Rente wird ganz anders berechnet: Für jedes Jahr, in dem du Beiträge zahlst, bekommst du Punkte gutgeschrieben. Am Ende werden alle Punkte zusammengezählt und mit dem Wert eines Punkts multipliziert.
Das hat zwei Folgen, die gerade Akademiker kennen sollten. Erstens zählt jedes einzelne Jahr, nicht nur die letzten. Wer spät anfängt, weil Studium, Promotion oder Facharztausbildung Zeit kosten, hat weniger Punkte. Zweitens gibt es eine Obergrenze pro Jahr. Wer mehr verdient, zahlt nicht mehr ein und bekommt auch keine Punkte mehr.
02Die Rentenformel: vier Zahlen, eine Rente
Die gesetzliche Rentenversicherung rechnet für jede Rente mit derselben Formel: Entgeltpunkte × Zugangsfaktor × aktueller Rentenwert × Rentenartfaktor = Monatsrente brutto. Die Animation zeigt sie am Beispiel von Lena, die du auch in der Renteninformation kennenlernst.
Die ersten beiden Faktoren hängen von dir ab, die letzten beiden legt der Gesetzgeber fest. In den nächsten Abschnitten nehmen wir jeden Faktor einzeln auseinander.

Rechne einmal deine Punkte der letzten fünf Jahre aus dem Versicherungsverlauf zusammen und teile durch fünf. Das ist dein persönlicher Punkteschnitt, und genau mit ihm rechnet die Renteninformation hoch.
03Entgeltpunkte: Wie du Punkte sammelst
Für jedes Jahr wird dein beitragspflichtiges Bruttogehalt durch das Durchschnittsentgelt aller Versicherten geteilt. Verdienst du genau den Durchschnitt, bekommst du 1,0 Punkte. Verdienst du die Hälfte, 0,5 Punkte. Für 2026 liegt das vorläufige Durchschnittsentgelt bei 51.944 €.
Entgeltpunkte eines Jahres = dein Bruttogehalt ÷ 51.944 €
Die Grenze setzt die Beitragsbemessungsgrenze von 101.400 € im Jahr 2026. Bis dahin zahlst du 18,6 % Beitrag, je zur Hälfte mit deinem Arbeitgeber. Was darüber liegt, ist beitragsfrei und bringt keine Punkte. Mehr als 101.400 ÷ 51.944 = 1,95 Punkte pro Jahr sind also nicht drin.
| Jahresbrutto 2026 | Entgeltpunkte für dieses Jahr | Monatsrente, die dieses Jahr bringt |
|---|---|---|
| 30.000 € | 0,58 | 24,56 € |
| 40.000 € | 0,77 | 32,74 € |
| 51.944 €Durchschnittsentgelt | 1,00 | 42,52 € |
| 70.000 € | 1,35 | 57,30 € |
| 85.000 € | 1,64 | 69,58 € |
| 101.400 €Beitragsbemessungsgrenze | 1,95 | 83,00 € |
| 130.000 €über der Grenze | 1,95 | 83,00 € |
Rechnung mit dem vorläufigen Durchschnittsentgelt 2026 und dem Rentenwert ab 01.07.2026. Die endgültigen Punkte eines Jahres stehen erst fest, wenn das tatsächliche Durchschnittsentgelt bekannt ist.
Punkte gibt es nicht nur fürs Arbeiten
Für Kinder, die ab 1992 geboren sind, bis zu drei Jahre Kindererziehungszeit. Pro Jahr gibt es rund einen Punkt, insgesamt also rund 3 Punkte pro Kind, zusätzlich zum eigenen Gehalt bis zur Grenze.
Wer einen Angehörigen ab Pflegegrad 2 nicht erwerbsmäßig zu Hause pflegt, bekommt unter Voraussetzungen Beiträge von der Pflegekasse.
Auch in diesen Zeiten werden Beiträge gezahlt, allerdings auf einer niedrigeren Grundlage als dein Gehalt.
Zählt als Anrechnungszeit für Wartezeiten, bringt aber seit 2009 keine Punkte mehr. Ein Grund, warum Akademiker oft weniger Punkte haben als gedacht.
04Der aktuelle Rentenwert: Was ein Punkt wert ist
Der aktuelle Rentenwert ist der Betrag, den ein Entgeltpunkt an monatlicher Rente bringt. Er wird jedes Jahr zum 1. Juli angepasst, meist im Gleichschritt mit den Löhnen. Seit Juli 2023 gilt er in Ost und West einheitlich.
| Ab | Aktueller Rentenwert | Erhöhung |
|---|---|---|
| 01.07.2023 | 37,60 € | bundesweit einheitlich |
| 01.07.2024 | 39,32 € | + 4,57 % |
| 01.07.2025 | 40,79 € | + 3,74 % |
| 01.07.2026 | 42,52 € | + 4,24 % |
Das ist der Grund, warum deine Rentenpunkte heute schon etwas wert sind, auch wenn die Rente erst in 30 Jahren kommt: Der Wert eines Punkts wächst mit. In der Renteninformation stecken diese künftigen Anpassungen in den Szenarien mit 1 % und 2 %.
05Zugangsfaktor: Früher oder später in Rente
Gehst du genau zur Regelaltersgrenze in Rente, für alle ab Jahrgang 1964 mit 67, liegt der Zugangsfaktor bei 1,0. Gehst du früher, wird es teurer, gehst du später, gibt es einen Zuschlag. Beides gilt lebenslang.
Das sind 3,6 % pro Jahr. Mit 63 statt 67 fehlen 14,4 % deiner Rente, für immer. Möglich ist das nur mit 35 Versicherungsjahren.
Wer über die Regelaltersgrenze hinaus arbeitet, bekommt 6 % pro Jahr mehr Rente, zusätzlich zu den neuen Punkten aus dem Gehalt.
Was ein früherer Ausstieg insgesamt kostet, inklusive Überbrückung, steht im Ratgeber Früher in Rente.
06Rentenartfaktor: Welche Rente du bekommst
| Rentenart | Faktor |
|---|---|
| Altersrente | 1,0 |
| Rente wegen voller Erwerbsminderung | 1,0 |
| Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung | 0,5 |
| Große Witwen- oder Witwerrente | 0,55 |
| Kleine Witwen- oder Witwerrente | 0,25 |
| Halbwaisenrente / Vollwaisenrente | 0,1 / 0,2 |
Für deine eigene Altersrente ist der Faktor immer 1,0. Spannend wird er für die Familie: Stirbst du früh, bekommt dein Partner aus deinen Punkten nur 55 %, und auf diese Hinterbliebenenrente wird eigenes Einkommen teilweise angerechnet. Deshalb gehört die Risikolebensversicherung in jeden Familienplan.
07Beispiel: Lenas Rente in Zahlen
Lena ist 32, Wirtschaftsingenieurin, und hat nach dem Master mit 25 angefangen zu arbeiten. Bisher hat sie 9 Punkte gesammelt. Verdient sie bis 67 so weiter wie im Schnitt der letzten fünf Jahre, kommen 35 Jahre mit je rund 1,36 Punkten dazu, das entspricht rund 70.000 € Jahresbrutto heute.
Genau diese Zahl steht in ihrer Renteninformation. Und selbst wenn Lena ab sofort immer über der Beitragsbemessungsgrenze verdient, kommt sie nur auf 9 + 35 × 1,95 = 77,3 Punkte, also rund 3.290 € brutto in heutigem Wert.
Die Obergrenze in Zahlen: 45 Jahre lang immer an der Beitragsbemessungsgrenze, das wären rund 87,8 Punkte und damit etwa 3.735 € brutto in heutigem Wert. Mehr gesetzliche Rente ist praktisch nicht möglich. Wer mehr als rund 4.500 € netto zum Leben gewohnt ist, braucht deshalb in jedem Fall eigene Vorsorge.
Rechne deine Rentenpunkte
Gehalt, Beitragsjahre und Rentenbeginn: So viele Punkte sammelst du, und so viel Rente machen sie in heutigem Wert.
Vereinfachte Rechnung in heutigen Werten, ohne künftige Rentenanpassungen. Ersetzt keine Rentenauskunft. Kranken- und Pflegeversicherung pauschal 12,35 %.
09Vom Brutto zum Netto
Die Rentenformel liefert eine Bruttorente. Davon gehen ab:
- Kranken- und Pflegeversicherung: In der Krankenversicherung der Rentner zahlst du die Hälfte von 14,6 % plus die Hälfte des Zusatzbeitrags, die Pflegeversicherung von 3,6 % trägst du allein. Zusammen rund 12 %, Kinderlose etwas mehr.
- Steuern: Wer 2026 in Rente geht, versteuert 84 % der Rente. Der Anteil steigt jedes Jahr um einen halben Prozentpunkt. Wer ab 2058 in Rente geht, versteuert sie voll.
- Inflation: Eine Rente in 30 Jahren kauft weniger als heute. Deshalb rechnen wir die Lücke immer mit Inflation, siehe Rentenlücke berechnen.
10Was du aus deinen Punkten machst
- Punkte prüfen: Fordere deinen Versicherungsverlauf an und lass Lücken klären. Fehlende Ausbildungs- oder Kindererziehungszeiten kosten dich sonst lebenslang Rente.
- Lücke beziffern: Mit deiner Renteninformation und dem Ratgeber Rentenlücke kommst du in zehn Minuten zu deiner Zahl.
- Über der Grenze vorsorgen: Alles, was du über 101.400 € verdienst, bringt keine Punkte. Genau dafür sind bAV, Altersvorsorgedepot und ETF-Sparplan da.
- Abschläge planen: Willst du früher aufhören, kannst du ab 50 Sonderzahlungen leisten, um Abschläge auszugleichen.
11Mythos oder Fakt?
Tipp auf eine Karte, um sie umzudrehen.
Nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Darüber zahlst du nichts mehr ein und bekommst keine weiteren Punkte.
Nein. Jedes Beitragsjahr zählt gleich. Ein spätes hohes Gehalt gleicht frühe Jahre ohne Punkte nur teilweise aus.